Was ist sexueller Missbrauch/ sexualisierte Gewalt?

Die Begriffe sexueller Missbrauch bzw. sexualisierte Gewalt bezeichnen willentliche sexuelle Handlungen mit, an oder vor Schutzbefohlenen. Schutzbefohlene können Kinder, Jugendliche oder aber auch schutz- oder hilfebedürftige Erwachsene sein. Im deutschen Sprachraum war „sexueller Missbrauch“ lange Zeit der geläufigste Begriff. Inzwischen wird er häufig durch die Bezeichnung "sexualisierte Gewalt" ersetzt, um deutlich zu machen, dass Menschen im Umkehrschluss nicht sexuell zu GEbrauchen sind und dass es sich nicht um eine Form der Sexualität, sondern um Gewalt handelt.
Dabei wird noch einmal unterschieden zwischen grenzverletzendem, übergriffigem und straffälligem Verhalten.

Welche Signale zeigen Betroffene?

Plötzliche Wesensveränderungen wie Verschlossenheit, Traurigkeit oder Gereiztheit können erste Anzeichen eines Missbrauchs sein, gehören aber auch zum ganz normalen Verhaltensrepertoire von Heranwachsenden. Auch die plötzliche Ablehnung von Zärtlichkeit, Veränderungen im Essverhalten oder Schlafstörungen können ein Indiz sein. Jede betroffene Person reagiert jedoch anders auf erlebte sexualisierte Gewalt. Manche scheinen auch zunächst ganz normal weiter zu leben, zu "funktionieren" oder verdrängen das Erlebte und entwickeln erst Jahre später Symptome. Das macht es schwierig, sexuellen Missbrauch am Verhalten zu erkennen. Allerdings: Egal, ob der Grund für das auffällige Verhalten sexualisierte Gewalt ist, ist es wichtig, dieses als Signal dafür zu verstehen, dass etwas nicht in Ordnung ist und junge und schutzbedürftige Menschen möglicherweise Hilfe benötigen.

Wo und wie häufig findet sexueller Missbrauch statt?

Die meisten Fälle sexuellen Missbrauchs erfolgen in einem Rahmen, in dem die Schutzbefohlenen Erwachsenen vertrauen. Vor allem in Familien und im sozialen Umfeld, das heißt: in Nachbarschaft, Kindergärten und Schulen, Vereinen, Pflege- und Betreuungseinrichtungen sowie Kirchengemeinden besteht die Gefahr von Übergriffen auf Kinder, Jugendliche und schutz- oder hilfebedürftige Erwachsene. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass deutschlandweit etwa 1 Million Kinder sexualisierte Gewalt erlebt haben oder erleben. Allein in Deutschland sind es laut einer BKA-Studie 49 Kinder pro Tag! Hinzu kommt der Markt der sogenannten Kinderpornographie, der laut polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2020 um 53% im Vergleich zum Vorjahr angestiegen ist.

Welche Umstände fördern die Gefahr, dass sexualisierte Gewalt stattfindet (Risikofaktoren)?

Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche mit Vorbelastungen oder (auch akut) verstärkter Bedürftigkeit, beispielsweise durch Vernachlässigung oder weil sie sich als Außenseiter fühlen. Außerdem sind sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen körperliche, geistige oder seelische Behinderungen ein Risikofaktor, zum Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. 

Unsere Verpflichtung zum Hinschauen

Unser Wissen heute und die Erfahrung aus den vielen Fällen der Vergangenheit haben gezeigt: Oft gibt es Hinweise oder Verhaltensweisen, die zunächst als merkwürdig wahrgenommen werden oder ein ungutes Gefühl hinterlassen. Das kann sich sowohl auf das Verhalten der Täter:innen als auch auf das der Opfer beziehen. Nehmen Sie solche Gefühle ernst und gehen Sie ihnen nach! Denn das Wegschauen und die Ignoranz gegenüber Hinweisen ermöglicht Taten und Täterkarrieren - und damit Leid, das verhindert werden könnte.
Deshalb sind alle Mitarbeiter:innen in unseren Einrichtungen zum Hinschauen und zur Hilfe für Kinder, Jugendliche und schutz- oder hilfebedürftige Erwachsene verpflichtet. Sie müssen mit ihren unklaren Gefühlen und Sorgen nicht allein bleiben, sondern erhalten bei uns und bei unabhängigen Fachstellen Unterstützung.